Erläuterungen zum Programm:
The Divine Comedy eine göttliche Komödie ...
„Der Mensch denkt und Gott lenkt“ daraus hat ein feinsinniger Mann einmal das Imperfekt gebildet: „Der Mensch dachte und Gott lachte ...“. Dieser an sich relativierende und sich selbst nicht ins Zentrum des Universums stellende Gedanke hat mich seit langem immer wieder gefreut und meine eigene Gedankenwelt begleitet. Im Grunde ist das ganze Leben mehr oder weniger eine „göttliche Komödie“. In diesem Sinne habe ich versucht, Werke zu finden und zusammenzubringen, die die verschiedensten Aspekte und Empfindungen des Menschlichen in einem kaleidoskopartigen, spannungsreichen Vexierbild illustrieren.
Dante Alighieri, Philosoph des beginnenden 14. Jahrhunderts hat so sein Hauptwerk genannt. Diese „Die Göttliche Komödie“ (eigentlich nur „La Comedia“ das Beiwort „göttliche“ = „divina“ hat erst nach Dantes Tod sein Bewunderer Giovanni Boccaccio eingeführt) schildert seine Reise durch die Hölle, zum Läuterungsberg (Fegefeuer), bis hin ins Paradies. Die Hölle und das Paradies sind jeweils in Schichten von konzentrischen Kreisen unterteilt. Je näher man in die tieferen Kreise kommt, umso sündiger bzw. heiliger sind die gestorbenen Seelen. Der amerikanische Komponist Robert W. Smith spürt diesem epochalen Meisterwerk in seinem gleichnamigen viersätzigen Opus „The Divine Comedy“ (1. The Inferno - 2. Purgatorio - 3. The Ascension - 4. Paradiso) nach und fängt die teils düstere, gespenstische aber auch gloriose Atmosphäre in fantastischen musikalischen Bildern ein und wird so als Hauptwerk zum Namensgeber des gesamten Programms. Das ganze Werk ist sehr kontrastreich und bringt neben beeindruckendem Einsatz von Singstimmen der Orchestermitglieder auch viele teils sehr kraftvolle Höhepunkte.
Deswegen folgt nun als ruhiger Gegenpol ein wunderbares Werk des relativ jungen Amerikaners Eric Whitacre. Ich lernte das Werk vor einigen Jahren unter der Leitung des Komponisten bei einer der Marktoberdorfer Sommerakademien für Sinfonische Blasmusik kennen und war sofort von seiner lyrischen Grundhaltung in den Bann gezogen. „October“ ist damit der nachdenkliche Ruhepunkt im Programm und Dreh- und Angelpunkt des Geschehens.
Der gedankliche Spannungsbogen führt nun zu Beginn des zweiten Programmteils in eine andere Welt und Zeit: Bernard Gilmore schuf, inspiriert von den Volksmusikaufnahmen Theodor Bikels und Gruppen wie den Limelighters, mit „Five Folk Songs“ eines der ersten größeren für Sopran und Blasorchester komponierten Werke (hier interpretiert von der Sopranistin Katharina Otscheret, siehe Rückseite).
Die Lieder basieren auf musikalischem Originalmaterial aus Irland, Amerika, Griechenland, Spanien und dem jüdischen Kulturkreis. Lassen wir Gilmore dazu selbst sprechen:
„Bei jedem der fünf Lieder versuchte ich eine Schlüsselstelle des gesungenen Textes in der Begleitung musikalisch auszudrücken. ,Mrs. McGrath’ ist klar marschähnlich, je mehr sich jedoch die bittere Geschichte entfaltet, desto ‚schräger‘ wird die Begleitung des Orchesters. Nachdem sich die Tragödie endgültig offenbart hat, erscheint der Marsch als ironischer Kommentar in seiner bekannt konventionellen, aufregend bewegten Art. Die Orchesterbegleitung in ,All the Pretty Little Horses’ ist gekennzeichnet von zwei längeren, improvisationsähnlichen Kadenzen der Soloklarinette. In ,El Burro’ (Der Esel) hatte ich das Bild eines lärmigen Leichenzuges vor mir. ,Yerakina’ ist durchdrungen vom schrillen Klang der in der Sonne glänzenden Armreifen Yerakinas. Und am Ende von ,A Fidler’ spielt eine flüchtige Referenz an Mendelssohns Violinkonzert auf Mutters Träume für ihren Sohn an.“
Ich fand bei dieser Sammlung von Anfang an die beiden Lieder „Mrs. McGrath“ und „All the Pretty Little Horses“ aufgrund ihres tragischen Kontextes stark unter die Haut gehend. Das erste ist die bittere Anklage einer Mutter über die Rekrutierung ihres Sohnes durch die Armee, die diesen am Ende zerschunden und halbtot wieder zurück bekommt, das andere ein zartes Schlaflied einer verlassenen jungen Frau, die ihr verhungerndes Kind in den Armen hält. Aber nicht nur traurige Stimmungen fängt Gilmore ein, auch kräftige und zum Teil sehr drastische bis groteske Bilder weist sein Werk auf. Und wieder ist es eine Mutter, die sich am Ende voller Stolz über ihren Sprössling mit der neuen Geige als kommenden Jascha Heifitz auslässt. Hier ist der Weg nicht weit zur letzten Station unserer menschlichen Reise durch Gottes Schöpfung und Geschöpfe.
Der jüdischstämmige Engländer Adam Gorb zieht in seiner Komposition „Yiddish Dances“ alle Register seiner virtuosen Klangsprache. Alle kontrastierenden Wesenszüge des jiddischen Topos werden in den fünf Sätzen (Khosidl Terkishe Doina Hora Freylachs) vor uns ausgebreitet. Dies ist unter Verwendung der mittlerweile sehr populär gewordenen Klezmer-Musik wiederum teilweise sehr drastisch und bisweilen grotesk und wird am Ende im Freylachs zu einem technisch fulminanten Wirbelsturm überschäumender Lebensfreude. So endet der Ausflug in des Menschen Wesen und Natur auf sehr optimistische und hoffnungsvolle Weise.
Michael Kummer, im Dezember 2005